Revolutionär im Stadtteil?

30. Juli 2026 | 19:00–22:00

Wir müssen Schluss machen mit den herrschen­den Ver­hält­nis­sen, weil sie unerträglich sind. Die Kri­tik an Staat und Kap­i­tal kann dabei nicht nur eine the­o­retis­che Frage sein – kri­tis­che The­o­rie ist nichts ohne den Willen zur Rev­o­lu­tion. In der Organ­isierungs­frage wird die Analyse des Beste­hen­den mit dem sub­jek­tiv­en Willen zu sein­er Über­win­dung ins Ver­hält­nis geset­zt. Da die radikale Linke sich in ein­er Krise befind­et, wer­den in ver­schiede­nen Debat­ten beste­hende Prax­is­for­men ein­er kri­tis­chen Über­prü­fung unter­zo­gen und neue Vorschläge disku­tiert, die sich ihrer­seits auf frühere Erfahrun­gen der Organ­isierung beziehen.

In den let­zten 5 bis 10 Jahren haben in der radikalen Linken Ansätze wieder an Bedeu­tung gewon­nen, die unter dem Stich­wort „Klassen­poli­tik“ fir­mieren. Aus­gangspunkt dafür war eine Strate­giede­bat­te, die u.a. in den Tex­ten „Der kom­mende Auf­prall“ der Antifa Kri­tik & Klassenkampf (2015), „11 The­sen um Organ­i­sa­tion und rev­o­lu­tionäre Prax­is“ von kollek­tiv aus Bre­men (2016) und „Das Konzept Kiezkom­mune“ von mehreren Berlin­er Grup­pen ihren Nieder­schlag fand. In der Folge wurde in mehreren Städten der Auf­bau von rev­o­lu­tionär­er Basisor­gan­isierung im Stadt­teil begonnen. Die Idee war dabei, dass im Stadt­teil ver­schiedene Kon­flik­t­felder zusam­men laufen (Wohnen, Arbeit­en, Repro­duk­tions- und Carear­beit, Ras­sis­mus, Zugang öffentlich­er Räume, etc.), die sich als Aus­gangspunkt für eine rev­o­lu­tionäre Per­spek­tive poli­tisieren lassen. In eini­gen Städten wurde dabei dem Beratungs-Organ­isierungs-Ansatz (BOA) aus Bre­men gefol­gt, der ein Beratungsange­bot zu Prob­le­men im Stadt­teil mit ein­er gemein­samen Organ­isierung im Sinne ein­er Stadt­teil­gew­erkschaft verbindet.

In ihrem 2022 erschienen Buch „Rev­o­lu­tionäre Stadt­teilar­beit“ hat die Gruppe Vogliamo Tut­to Erfahrun­gen aus der rev­o­lu­tionären Stadt­teilar­beit zusam­men getra­gen und dafür Inter­views mit Grup­pen aus ver­schiede­nen Städten geführt und aus­gew­ertet. In der neun­ten Aus­gabe des Mag­a­zins Kun­st, Spek­takel & Rev­o­lu­tion hat Vogliamo Tut­to die jün­gere Entwick­lung dieses Strate­gieansatzes erneut analysiert. Dabei hat die Gruppe fest­gestellt, dass sich inner­halb der Stadt­teilor­gan­isierung dur­chaus unter­schiedliche Ansätze her­aus­ge­bildet haben: Auf der einen Seite die Stadt­teil­gew­erkschaften, in denen poli­tis­che und ökonomis­che Inter­essen im Sinne ein­er Basisor­gan­isierung zusam­men geführt wer­den – auf der anderen Seite die Stadt­teilkomi­tees, die als Vor­feld ein­er eigentlichen poli­tis­chen Organ­isierung gedacht sind. Let­zteres geht zum Teil mit ein­er mehr oder weniger offen artikulierten marx­is­tisch-lenin­is­tis­chen Ori­en­tierung ein­her und zielt auf die Organ­isierung der Klasse in ein­er Partei.

Im Gegen­satz dazu kön­nte man meinen, dass der Ansatz der Stadt­teil­gew­erkschaft dur­chaus mit anar­cho-syn­dikalis­tis­chen Ansätzen ver­wandt ist. In einem 2023 in der Direk­ten Aktion erschiene­nen Text hat Fred­erik Fuß her­aus­gear­beit­et, dass die Stadt­teil­gew­erkschaften im Grunde die Funk­tio­nen der klas­sis­chen Arbeit­er­börsen des Anar­cho-Syn­dikalis­mus erfüllen. Neben den Syn­dikat­en – die sich in der anar­cho-syn­dikalis­tis­chen Konzep­tion von den Betrieben aus­ge­hend organ­isieren und auf die Sphäre der Pro­duk­tion fokussiert sind – soll­ten in den Arbeit­er­börsen Fra­gen des Kon­sums, der Repro­duk­tion und der Kul­tur ver­han­delt und organ­isiert wer­den. Diese lokal organ­isierten Börsen „wirken als ansprech­bare Insti­tu­tion für die alltäglichen Prob­leme der Men­schen in ihrem Wirkungs­bere­ich“. In Magde­burg hat sich aus dieser Ver­wandtschaft her­aus eine dauer­hafte Zusam­me­nar­beit zwis­chen der Kiezkom­mune Magde­burg und der lokalen Sek­tion der Freien Arbeiter:innen Union entwick­elt.

Doch in einem weit­eren, 2024 in der Tribüne Tsukun­ft erschiene­nen Text beurteilt Fred­erik Fuß den Ansatz der Rev­o­lu­tionären Stadt­teilar­beit wesentlich skep­tis­ch­er und for­muliert die Ver­mu­tung, dass sich ein gewiss­er Lenin­is­mus auch im Beratungs-Organ­isierungs-Ansatz ver­birgt. Dieser beste­ht nach Fred­erik Fuß darin, dass im BOA eine Tren­nung zwis­chen sich bewusst wäh­nen­den, meist akademis­chen Aktivist:innen und den „nor­malen“ Leuten beste­hen bleibt, wobei die Basisor­gan­isierung ein Mit­tel ist, anstatt das Ziel zu sein.

Was bedeutet es, in der Organ­isierung von den eige­nen Inter­essen auszuge­hen? Inwiefern impliziert dies auch, auf Andere zuzuge­hen, sie über ihre Inter­essen aufzuk­lären und für eine gemein­same Organ­isierung zu wer­ben? Was erfordert eine Organ­isierung auf Augen­höhe und wie lässt sich die Tren­nung zwis­chen „Aktivist:innen“ und „Organ­isierten“ aufheben? Ist eine gewisse Spezial­isierung in der Organ­i­sa­tion­sar­beit notwendig oder ist darin bere­its das Übel angelegt? Erzeugt ein Beratungsange­bot eine pas­sive Mit­glied­schaft (sowohl in der Stadt­teil­gew­erkschaft als auch in der FAU)? Was sind Kri­te­rien der Selb­stor­gan­isierung?

Diese und ähn­liche Fra­gen sollen am 30.07.2026 mit der Gruppe Vogliamo Tut­to und Fred­erik Fuß disku­tiert wer­den. Die Ver­anstal­tung wird unter­stützt von der Rosa-Lux­em­burg-Stiftung Thürin­gen.

Ergänzende Links:

Datum:

30. Juli 2026    

Zeit:

19:00–22:00

Veranstaltungskategorie/n:

Veranstaltungsort:

[L50]
Las­sallestraße 50
Erfurt

Veranstalter*in:

BiKo