Fetisch statt Freiheit — Eine feministische Kritik des Surrealismus

7. Dezember 2026 | 19:00–21:00

Vor­trag von Daniel Gönitzer

Der Vor­trag entwick­elt eine fem­i­nis­tis­che Kri­tik des Sur­re­al­is­mus, die über die Fest­stel­lung männlich­er Dom­i­nanz der Gruppe um André Bre­ton hin­aus­ge­ht. Neben der ungle­ichen Par­tizipa­tion und der verzögerten Kanon­isierung von Kün­st­lerin­nen wie Leono­ra Car­ring­ton, Meret Oppen­heim, Claude Cahun, Dora Maar, Dorothea Tan­ning, Uni­ca Zürn, Fri­da Kahlo, Leonor Fini, Louise Bour­geois und Alice Prin ger­at­en die ästhetis­chen und the­o­retis­chen Grun­dan­nah­men des Sur­re­al­is­mus selb­st in den Fokus. Aus­ge­hend von Xav­ière Gau­thiers “Sur­re­al­is­mus und Sex­u­al­ität. Insze­nierung der Weib­lichkeit” (1971) wird ein struk­tureller Wider­spruch rekon­stru­iert: Die Bewe­gung erhebt Sex­u­al­ität zum kon­sti­tu­tiv­en Prinzip – Erotik als Inhalt, Ziel und bevorzugte Waffe gegen bürg­er­liche Moral –, hält gle­ichzeit­ig aber an einem mythisch über­höht­en Liebeside­al fest. Diese Span­nung pro­duziert die Sehn­sucht nach einem imag­inären „Total-Objekt“, das in der Frau verkör­pert wird, und prägt die Bild­poli­tik der Traum­bilder, Col­la­gen und Objek­te: der weib­liche Kör­p­er erscheint als Rät­sel, Muse, Orakel – zugle­ich frag­men­tiert, fetis­chisiert und zur Pro­jek­tions­fläche männlichen Begehrens gemacht.

Die sur­re­al­is­tis­che Ästhetik der beun­ruhi­gen­den Fremd­heit ero­tisiert Dinge und Sprache: All­t­ag­sob­jek­te „lieben sich“, Mechaniken wer­den lustvoll ent­gren­zt, Tabus wer­den durch scham­lose Sprach­spiele attack­iert. Skan­dal dient als rev­o­lu­tionäre Strate­gie – von der Sex­u­al­isierung pro­fan­er Gegen­stände bis hin zur Inter­na­tionalen Ausstel­lung 1959/60 mit Erotik als Leit­mo­tiv. Doch Gau­thi­er zeigt die Ambivalenz dieser Tak­tik: Das Schock­mo­ment oszil­liert zwis­chen ero­tis­chem Effekt und poli­tis­chem Anspruch; seine muse­ale Ein­hegung stellt die behauptete Sprengkraft infrage. Hinzu kom­men poli­tis­che Wider­sprüche der Bewe­gung, etwa der brüchige Bezug zur kom­mu­nis­tis­chen Linken und exem­plar­isch Dalís skan­dal­trächtige Pro­voka­tio­nen bei gle­ichzeit­iger Akzep­tanz autoritär­er Regime. Im Kon­trast dazu ord­nen die marx­is­tis­chen Sur­re­al­is­ten Sex­u­al­ität dem Klassenkampf unter – mit der Folge, dass Frauen als Arbeit­skräfte, Müt­ter und Sol­datin­nen funk­tion­al­isiert wer­den und emanzi­pa­torische Refor­men kon­junk­turell wieder zurückgenom­men wer­den.

Vor diesem Hin­ter­grund kri­tisiert der Vor­trag die männlich kodierte Blick­ökonomie des Sur­re­al­is­mus: Automa­tismus, das „Wun­der­bare“ und das Unheim­liche wer­den zu Appa­ra­turen, die weib­liche Sub­jek­tiv­ität in Rollen der Muse, Geliebten oder des pas­siv­en Traumwe­sens ein­schreiben. Zugle­ich macht er Gegen­mod­elle sicht­bar, in denen Kün­st­lerin­nen diese Gram­matik unter­laufen – etwa Cahuns per­for­ma­tive Selb­sten­twürfe, Oppen­heims ambiva­lente Objek­te, Maars Fotomon­ta­gen, Tan­nings psy­cho­sex­uelle Architek­turen oder Car­ring­tons mythopo­et­is­che Re‑Codierungen. Der Sur­re­al­is­mus erscheint so nicht als zu ver­w­er­fend­er Block, son­dern als kon­flik­thaftes Archiv, in dem das Ver­sprechen ästhetis­ch­er und ero­tis­ch­er Befreiung an geschlechtsspez­i­fis­chen Asym­me­trien bricht. Die fem­i­nis­tis­che Kri­tik plädiert für eine Re‑Kartierung des Kanons, in der Beiträge von Kün­st­lerin­nen nicht nur nachträglich gewürdigt, son­dern als the­o­retis­che Kor­rek­tive begrif­f­en wer­den, die die Voraus­set­zun­gen sur­re­al­is­tis­ch­er Prax­is selb­st verän­dern: Eros ohne Fetis­chisierung, Pro­voka­tion ohne Objek­tivierung, Frei­heit ohne den Mythos eines „Total-Objek­ts“ Frau.

Daniel Gönitzer arbeit­et am Insti­tut für Theater‑, Film- und Medi­en­wis­senschaft der Uni­ver­sität Wien, beschäftigt sich mit Werk und Leben von Wal­ter Ben­jamin, arbeit­et zu den Avant­garde­be­we­gun­gen der Kun­st und zu Fra­gen der Ästhetik.

Die Ver­anstal­tung ist Teil der Rei­he “Kun­st, Spek­takel & Rev­o­lu­tion” und ist eine Koop­er­a­tion des Bil­dungskollek­tivs mit der ACC Galerie Weimar. Sie wird unter­stützt von der Rosa-Lux­em­burg-Stiftung Thürin­gen.

Datum:

7. Dezem­ber 2026    

Zeit:

19:00–21:00

Veranstaltungskategorie/n:

Veranstaltungsort:

ACC Galerie
Burg­platz 1
Weimar

Veranstalter*in:

BiKo